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Gefangen im Netz der Dunkelmänner

Berndt Seite, Annemarie Seite und Sibylle Seite

Berndt Seite und seine Familie möchten sich die »Stasi« von der Seele schreiben, um nicht ein Leben lang mit der DDR-Diktatur konfrontiert zu bleiben. Der Text soll einen Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur leisten. 

Die schöne Friga

Die schöne Friga

Nicole Türschmann

John William Waterhouse - Hylas and the Nymphs (1896)
John William Waterhouse - Hylas and the Nymphs (1896)
Besonders war es eine, die durch Ihre wundervolle Schönheit vor allen sich auszeichnete.Ihr goldig blondes Haar und Ihre meertiefen blauen Augen hatten auch bald das Herz eines hübschen schlanken Jünglings mit dunklem Aug' und Haar ganz und gar eingenommen. Lange hatte er es verschwiegen, als sie aber eines Tages auch wieder vom Tanz punkt elf verschwand, war er ihr nachgeeilt, hatte sie umfaßt und seine brennenden Lippen auf ihren Mund gepreßt. Sie war ihm aber schnell aus den Händen geschlüpft und in die Saale gesprungen. Am anderen Abend saß er sehnsüchtig am Ufer und schaute hinab in die Fluten. Es währte nicht lange, so vernahm er ein Rauschen und Klingen in den Wogen, bis Sie sich plötzlich teilten und seine  geliebte Nixe erschien. Sanft stieg sie zu ihm empor. Da wollte er sie heiß umfangen und in seine Arme schließen, sie aber wehrte ihn ab und sprach:
„ Ich weiß, daß Du mich liebst und auch mein Herz entbrennt in heißer Liebe gegen Dich. Da es uns aber nicht vergönnt ist, auf der Erde das süße Glück der Ehe zu genießen, so mußt Du mit mir ins Wasser gehen und darfst nie wieder zur Erde zurückkehren. Ein Jahr lassen ich Dir Bedenkzeit; Du wirst mich nicht eher wieder sehen, als bis diese Zeit verstrichen ist. Wenn dann der Mond wieder über die Eichen drüben am Ufer schaut, um dieselbe Stunde wie heute, erwarte ich Dich hier."
Damit war Sie verschwunden. Hastig hatte er nach ihr gegriffen, um noch für die lange Zeit ein herziges Lebewohl auf ihre Lippen zu drücken - vergebens, er hörte nur noch dumpfes Brausen aus der Tiefe, dann verschwammen die Wellen in immer weiteren Kreisen, bis die Saale wieder ruhig dahinströmte.
 
Ein ganzes Jahr - es war eine lange Zeit, und doch stand sein Entschluß so fest, folgen wollte er dem geliebten Weibe, und wenn es bis ans Ende der Welt wäre. Oft schlich er abends am Ufer der Saale entlang in der Hoffnung, nur einen Schein ihrer goldenen Haare zu sehen, aber umsonst. Auch die anderen Nixen gaben ihm ausweichend eine scherzende Antwort, so oft er sie nach ihr frug. Endlich, endlich erschien die schöne Maienzeit wieder, von Tag zu Tag wurde der Mond voller und nun glänzte er über die alten Eichen herüber. Schon seit Sonnenuntergang hatte er an jener Stelle gesessen und die Zeit wurde ihm zur Ewigkeit, ehe sie erschien. Da vernahm er wieder das Rauschen, die Wellen schimmerten wie Silberglanz und plötzlich teilten sie sich. Eine lange, goldene Treppe führte hinab, von tausend Kerzen und Flammen erhellt. Auf der obersten Stufe aber stand in strahlender Schönheit, mit prächtig funkeldem Diadem, Friga, sie breitete ihre Arme aus und sprach mit sanfter Stimme: „Willst Du nun mein sein auf ewig?" Er flog ihr jauchzend entgegen: „Dein! Dein auf ewig, meine inniggeliebte Braut!" Die Wellen schlugen über ihnen zusammen und trugen sie leise hinab in den glitzernden, blendend leuchtenden Kristallpalast des Nixenkönigs. Der saß auf seinem Throne, um ihn wogten und tanzten die Nixen und kleine Wassergeister und es war eine Pracht und Herrlichkeit, daß er gar nicht aufzusehen wagte. Sie traten beide vor ihn hin, er segnete sie und nun wurde eine glänzende Hochzeit gefeiert, daß der Jubel bis an die Ufer hinaufklang.
 
Am anderen Tag erzählten die Nixen den jungen Burschen von all der Freude und Herrlichkeit und dem Glück der beiden, keiner aber weiter fand sich unter ihnen, der das goldene Sonnenlicht dafür hingeben wollte.
 
Jahre waren vergangen und Glück und Segen blühete immer noch da unten im goldenen Palast der Friga. Ein kleines Knäblein hatte sie ihm geboren und in inniger Liebe lebten sie still ihre Tage dahin. Da plötzlich - es war Frühling draußen und ein warmer Sonnenstrahl fiel durch die klaren Wasser - es war ihm, Als zöge ihn ein unwiderstehliche Kraft nach oben. Er gedachte der grünenden Wiesen, der prächtigen Wälder, wie da alles jauchzt und jubelt in herrlichem Sonnenglanz und eine heiße Sehnsucht erfaßte ihn nach seiner Heimat. Nur einmal noch wollte er sie schauen, dann für ewig zurückkehren in die dumpfe Tiefe der Gewässer. Friga erschrak über den Entschluß und suchte ihn durch flehentliche Bitten abzuhalten. Aber kein Flehen, keine Thränen halfen. Sie mußte endlich zugeben. Drei Tage hatte ihm der König erlaubt auf der Erde zu bleiben, kehre er dann nicht zurück, so sei ihm der Palast für ewig verschlossen, Mit schwerem Herzen geleitete ihn Friga bis an das Ufer. Noch einmal umarmte sie ihn nd küßte ihn heiß und innig, als müsste sie für ewig von ihm Abschied nehmen. Dann stieg er empor. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen, als er die helle Sonne so freundlich wieder strahlen sah und aus Grabesnacht däuchten es ihm entronnen zu sein, als er die freie, frische Luft wieder athmete. Er stürzte zu Boden und küßte die Erde heiß und lange. Dann sprang er auf und rannte zu dem kleinen Hüttchen - da - vor der Thür saß sein altes Mütterchen hatte ja so um ihn geweint und sich gesorgt und gebangt, als sie von seinem Entschluß gehört hatte; nun hatte sie ihn wieder, ihren einzigen, geliebten Sohn. Die Freude wollte nicht enden und allüberall war Jubel und Sonnenschein. Aber die Stunden verrannen geschwind und bald stand die Sonne zum drittenmal am höchsten am Himmel, dann, hatte ihm Friga gesagt, bin ich wieder hier und hole Dich wieder. Er hatte es ihr auch fest versprochen, und so nahm er denn Abschied, unendlich schweren Abschied, von all dem Lieben, was er auf der Erde hatte, und war entschlossen, wieder zu seinem geliebten Weibe zurückzukehren. Sie stand am Ufer mit ihrem kleinen Knäblein, das frohlockte, als er den Vater kommen sah, und streckte ihm beide Händchen entgegen.
 
Die Rheintöchter warnen Hagen - Gemälde von J.H.Füssli
Die Rheintöchter warnen Hagen - Gemälde von J.H.Füssli
„Ja, ja, ich komme, mein süßer Liebling", rief er ihm von weitem schon zu und beeilte seine Schritte. Friga reichte ihm die Hand - er schauderte zusammen - zum erstenmale bemerkte er daß kaltes Fischblut in ihren Adern rolle und daß sie so durchsichtig bleich aussah. Dann blickte er in die Tiefe und es überlief ihn eisigkalt bei dem Gedanken, daß er den goldenen warmen Sonnenstrahl nie wieder sehen solle und ewig in dem kalten Sumpf da unten sein Leben vertrauern müßte. Mit Entsetzen trat er einen Schritt zurück:"Nie, nie", rief er, „trägst Du mich wieder da hinab, und wenn Du mir Saalvaters Krone bötest, ich kann nicht. Aber bleibe hier oben, geliebtes Weib, hier im herrlichen Sonnenglanz laß uns unsere Hütte bauen, vergiß die kalte kristallene Pracht - ich will es Dir danken, so lange ich lebe!" Ernst und stumm hatte ihm Friga zugehört, flehend blickten ihn die schönen meerblauen Augen an, als wollten sie sagen: „verlaß mich nicht". - Da war es ihm ums Herz wie an jenem Abend, wo er sie zuerst geschaut hatte; noch einmal lohte die unendliche Liebe in ihm auf, er raffte sich zusammen, er wollte die Stufen hinabsteigen, aber unwiderstehliche Gewalt hielt ihn zurück, wie eine Mauer stand es zwischen ihm und ihr.

„Ich kann nicht" rief er und sank erschöpfte zu Boden.

Friga hatte kein Wort gesprochen, ein unaussprechlich weher Schmerz zuckte über ihr Gesicht und mit zitternder Stimme begann Sie: „ So müssen wir scheiden - scheiden auf ewig. Das Knäblein aber gehört zur Hälfte mir, zur anderen Hälfte Dir zu!" Dabei preßte Sie es heftig an die Brust und herzte und küßte es lange. Ein grollender Donner erscholl aus der Tiefe herauf, die Wogen schlugen über Sie zusammen, und in demselben Augenblicke trug eine Welle sanft die eine Hälfte des Knäbleins ans Ufer, die andere aber schwamm munter als eines goldenes Fischchen am Rande der Saale hin und her, - Ohnmächtig war er bei dem Donner niedergesunken, ein langer Schlaf erquickte ihn und im Traume sah er noch einmal all´die schönen Tage an ihm vorübergleiten, die er mit Frigaa verlebt hatte. Als er aufwachte war es Nacht um ihn, der Mond stand am Himmel und warf seine silbernen Strahlen auf Bucht und Weiher. Neben ihm lag sein totes Knäblein. Er zuckte zusammen, dann nahm er es auf und begrub es am Ufer. Am anderen Morgen stand an der Stelle eine weiße Lilie, die neigte sich zur Saale hinab und ein goldenes Fischlein schwamm davor auf und ab und schaute wehmütig zu ihr empor.

Frigas Gatte irrte Tag und Nacht am Ufer entlang, den geliebten Namen rufend; aber Sie kehrte nicht wieder und das Echo verhallte ohne Antwort im Winde. Er ist nie wieder froh geworden im Leben und hat endlich seine Sehnsucht in den Fluten versenkt. Die Wellen begruben ihn an der Stelle, wo er hinabgestiegen war und Friga sitzt an seinem Grabe und jammert und weint. Wenn der Vollmond hoch am Himmel steht und sich im Walde kein Lüft´chen regt, dann kannst du ihre Klagen hören. Ihre Thränen fallen als große Perlen herab und schon oft blieb eine im Netze des Fischers hangen.

Die Nixen wirkten seitdem nur noch im Stillen für die Menschen und ließen sich nicht wieder sehen, bis die Menschen ihre Wohltaten vergaßen und ihnen böses wollten. Das will ich Dir später erzählen. Die Geschenke der Nixen aber blieben in gutem Angedenken und noch bis auf diese Stunde tragen die Brautjungfern eine goldene Nelkenkrone und die Männer die 18 silbernen Mohnköpfe vorn an ihrer Kleidung. Auch heißt es, es könne ein Hallore nicht ertrinken, wenn er auch nicht schwimmen könnte. Deshalb werfen die Halloren ihre Kinder ohne Leine und ohne Gurt in das Wasser und bilden sie so zu tüchtigen Schwimmern heran.


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Quelle: Aus der Heimat. Sagen und Märchen der Halloren. Von Franz Büttner Pfänner zu Thal.

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