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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Die Gründung der Stadt Halle.

Die Gründung der Stadt Halle.

Nicole Türschmann

Halloren (in: Johann Christoph von Dreyhaupt, Beschreibung des Saalkreises, 1750)
Halloren (in: Johann Christoph von Dreyhaupt, Beschreibung des Saalkreises, 1750)
In der Nachbarschaft unter den angrenzenden Völkerstämmen erregte der Salzreichtum bald Neid und so versuchten diese auch bald die Quelle an such zu reißen. Zuerst kamen die Slaven auf ihren Streifzügen dahin und wollten sich in ihren Besitz setzen. Sie nannten die Leute, die Salz bereiteten, in ihrer Sprache die Hall-ur, das heißt zu deutsch die Salzmänner, und diesen Namen haben sie bis heute behalten. Die Halloren waren eine streitbare Macht geworden; trieben jene von ihrem Eigentum mit Stangen und Schwertern zurück, wobei sie manchmal noch durch die Nixen unterstützt wurden. So waren einmal die Chatten mit Heeresmacht herangezogen. Schon standen sie am anderen Saalufer und hatten dort ihr Lager aufgeschlagen, um andern Tags überzusetzen und die Halloren gefangen zu nehmen. In der Nacht, als alles schlief, da kamen die Nixen und Wellen und stiegen sacht an das Ufer und überschwemmten das ganze Lager, daß, wer nicht eilig die Flucht ergriff, in den Fluten ertrank. Unverrichteter Sache mußten sie abziehen und sind nicht wieder gekommen. Wohl aber drang bald darauf die Kunde aus ihrer früheren Heimat von einem mächtigen Kaiser zu ihnen, dem alles untertan sei und der auch seine Grenzen bis an die Saale erweitern wollte. Es war Kaiser Karl der Große. Er selbst kam zwar nicht, aber seinen Sohn, den König Karl, hatte er ausgesandt mit Mannen und Knechten. Sie drangen siegreich vor bis an die Elbe. Die Halloren hatten sich nun im Laufe der Jahrhunderte stark vermehrt; auch gewannen sie das Salz nicht mehr in den Tellen, sondern hatten sich Hütten oder Kote gebaut, worin sie es in Pfannen siedeten.
Acht solcher Kote standen auf der Halle und die Pfannen in denselben gehörten den acht fürnehmsten Familien, die von diesen den Namen der Pfänner erhielten. Es waren aber Pfänner im Thale zur Zeit Karls des Großen: erstens die Bornemanns oder Börner, die am Salzborne standen und die Soole schöpften, dann die Bornträger, welche die Soole von den Bornen zu den Koten trugen, die Büttner, die die Butten fertigten, in denen daß Salzwasser geschöpft und in die Pfannen getragen wurde, die Pfannenschmidt, die die Pfannen zum Sieden schmiedeten, die Holzheuer, die das Holz fälleten und das Feuer unterhielten, die Seifährte, die die Fährte, das heißt das schmutzige Salz, seieten und reinigten, die Stißer, die das Salz siedeten und rührten und zerstießen und die Bäder, die das Salz bucken und in Würfel schnitten, damit es sich besser transportieren ließ.

Immer näher rückte der Kriegslärm und die Halloren waren unschüssig, was sie machen sollten, ob sie des Königs Macht trotzen und sich mit Schwertern und Lanzen wehren oder sich unterwerfen sollten. Andere rieten wieder, man solle die Quelle verstopfen und sich in die nahegelegenen Wälder flüchten, bis die Kriegsnot vorüber sei. Während sie sich aber noch beredeten, wurde es auf den Bergen lebendig. Das glitzerte und funkelte in blanken Stahlrüstungen und Panzerhauben und die Sonne brach sich tausendfach in den Lanzenspitzen und in den glänzenden Schwertern; ein Haufe nach dem anderen kam heruntergeritten und bald war die ganze Ebene mit Reisigen zu Fuß und zu Pferde angefüllt. Ehe es sich die Halloren versahen, stand der König Karl, umgeben von seinen Heerführern und Basallen, hoch zu Roß vor ihnen. Er trug einen prächtigen Helm mit einer Krone darauf und einem schweren Purpurmantel mit weißem Hermelin verbrämt, eine goldene Rüstung und ein mächtiges Schwert an der Seite. Geblendet von der Pracht und dem nie gesehenen Glanz, waren sie auf den Boden gestürzt und flehten um Gnade. Da der König die ihm wohlbekannte Sprache vernahm, ward er froh und sagte ihnen, sie sollten aufstehen und sich ein Gnade ausbitten.

Da trat der Älteste hervor und sprach: „Herr, siehe wir haben gut zu leben und darben nicht, denn das Holz und die Soole geben uns satt, aber die Nachbarn kommen und zerstören oft, was wir uns mühsam gebaut haben. Darum laß uns unsere Häuser befestigen und die Halle mit Mauer umgeben und hier eine Stadt gründen."

Der König betrachtete sie von oben bis unten und da sie in ihrer rußigen und zerlumpten Arbeitskleidern bestanden, lachte er und antwortete: „Wovon wollt Ihr eine Stadt bauen, wollt Ihr vielleicht Eure Lumpen verkaufen und davon die Mauern und Türme errichten?" Sie antworteten ihm aber:

„han mer hüte water und holt,
so han mer morne silber unde gold!"
„Nun so baut Euch meinetwegen eine Stadt aus Wasser und Holz", rief der König, „der Mond und die Sterne mögen Euch dazu leuchten!"

Die Halloren aber waren voller Freude, daß sie die Erlaubnis hatten; an Geld würde es ihnen nicht fehlen, da sie Holz genug zum Sieden und auch genug Soole hatten. Der König ließ sich nun einen Eid schwören, daß sie ihm getreue Untertanen sein wollten, und schenkte ihnen eine Fahne, die er von dem Bischhof von Magdeburg hatte weihen lassen, damit sie sich um dieselbe im Kriege gegen ihre Feinde versammelten.

Halloren in Festtracht © Dundak
Halloren in Festtracht © Dundak
Es war aber gerade um die Zeit der Sonnenwende, wo sie ihre alten heidnischen Feste feierten, denn sie hatten von dem neuen Glauben noch nichts vernommen. Die großen bunten Teppiche, die die Weiber in den langen Winternächten gewebt hatten und in denen prächtig die Bilder der alten Götzen, Thor und Freia und Baldur, der wie der Prinz im Dornröschen mit seinem Kusse die von Eis und Schnee umstrickte Erde aus ihrem langen Winterschlaf erlöst, eingewebt waren, wurden aus den Kisten hervorgeholt; die Schilder wurden blank geputzt, Kissen und Decken auf die langen Bänke gelegt, so daß die Halle, in der man sonst nur große Salzsäcke sah, plötzlich zu einem Palast umgewandelt war.
 

Am anderen Morgen strahlte die warme Sonne verlockend auf die Erde hernieder; alles war schon früh auf und festlich geschmückt; die Männer hatten ihre silbernen Möhnköpfe angetan, die Mägde ihre goldenen Nelkenkränze aufgesetzt und so schritten sie, jung und alt, zur Halle. Leben und rauschende Luft scholl in die Ferne und brach sich an den Felsen. Die langen Kriegshörner ertönten und nun begann der Zug. Heute sollte die Stadtgrenze mit der Fahne umritten werden. Der älteste Hallore saß auf dem Opferpferde und ritt dem Zug voran; ihm folgten die Fahnenjunker mit der Fahne, die Kranzjungfern und die Halloren. Erst ging es dreimal um den Gutjahrbrunnen dann um die Häuser, wo die Stadtmauer aufgebaut werden sollte, zuletzt bewegte sich der Zug in die Halle zurück. Das große Metfaß wurde hereingetragen, in der Mitte ein mächtiges Feuer angezündet; die Priester schlachteten das Pferd und brieten es. Mit dem Blute besprengten sie die Waffen und Wände. Das Feuer lohte hell auf und der Rauch stieg dicht zur Decke empor, daß der Ruß losflockte. Gezecht wurde tüchtig und als die Stimmung heiterer wurde, warf man sich mit den abgespeisten Knochen, das war ein Zeichen guter Laune. Die Kriegssänger stimmten frohe Lieder an, man tanzte und jubelte bis der Mond am Himmel aufging und die Sterne sich zur Mitternacht neigten. Manches Metfaß wurde ausgeleert und es währte noch lange bis sich einer nach dem anderen nach Hause schlängelte, ja man munkelte sogar, der Morgen hätte schon gegraut, als die letzten heimtaumelten.

 

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Quelle: Aus der Heimat. Sagen und Märchen der Halloren. Von Franz Büttner Pfänner zu Thal.  

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