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Horst Nalewski
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Der schwere Weg zum großen Dichter

Der junge Rilke wächst in Prag auf undentwächst den bürgerlichen Vorstellungen seiner familiären Umgebung. Auf der stetigen Suche nach sich selbst, findet er Halt im Schreiben und schreibt viel. "Der schwere Weg zum großen Dichter" ist hier verständlich und interessant dargestellt.

Gartenstadt Nietleben

Gartenstadt Nietleben

Bettina Bartaune

Stadtteil von Halle

Am südlichen Rand der Heide liegt die Gartenstadt Nietleben. Ebenso wie die anderen Heidedörfer Lieskau, Dölau oder Lettin lebte man hier bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hinein in einer kleinen bäuerlichen Gemeinschaft. Zunächst durch den Bergbau und die damit verbundene Industrialisierung, dann durch die Gartenstadtbewegung bekam die Gemeinde ein ganz neues Antlitz. Gerade letzteres macht sie heute für junge Familien und Wohnungssuchende, die im Grünen leben wollen, interessant und mittlerweile gehört Nietleben zu den begehrten Wohnlagen in Halle.

Nietleben ist das älteste Dorf in der Heide, auch wenn die Siedlung erst im Jahr 1371 erstmals in den Lehrbüchern der Magdeburger Erzbischöfe schriftlich erwähnt wurde. Ursprünglich war Nietleben eine slawische Siedlung, vor allem das Volk der Wariner siedelte im 5. Jahrhundert in der Region um Halle. Der älteste Ortskern lag in der heutigen Quellgasse, deren Name schon auf die enorme Bedeutung des Wassers für die Einwohner hinweist. Der große Wasserreichtum und die fruchtbaren Böden ließen ein Bauerndorf entstehen und gedeihen, das zunächst vom Rittergut Granau, später dann vom Amt Giebichenstein verwaltet wurde. In den nächsten vier Jahrhunderten blieb die Zahl der Einwohner und Höfe relativ konstant, nur die Pest-Epidemien von 1348/50 und 1450 forderten zahlreiche Opfer.

Nietleben erlebte einige Jahrhunderte später bescheidenen Glanz, als der Administrator des Erzstifts Magdeburg im Jahre 1615 eine braunschweigische Prinzessin heiratete, die ihren Sommersitz in Nietleben einrichtete. Dafür wurde das Heidehaus des Forstaufsehers zu einem kleinen Lustschloss umgebaut, eine Fasanerie eingerichtet und verschiedene Aufforstungs- und Hegemaßnahmen in der Heide durchgeführt. Der Ortsteil Habichtsfang hält diese Zeiten im Gedächtnis.

Einen ersten Zuzug erfuhr Nietleben während des dreißigjährigen Krieges. Schwedische Söldner unter dem berühmt-berüchtigten Feldmarschall Johan Banér hatten das Nachbardorf Granau im Jahr 1636 vollständig verwüstet. Die wenigen Überlebenden flohen nach Nietleben. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Ort auch von protestantischen Kolonisten aus der Pfalz besiedelt, aus der zu dieser Zeit zahlreiche Auswanderer vor Not und religiöser Unterdrückung flohen. Einige Rheinpfälzer folgten dem Aufruf Friedrich II., nach Preußen zu kommen, und erhielten in Nietleben Land. Viele schlossen sich zunächst der Hallenser reformierten Domgemeinde an. Die Kolonistenstraße erinnert noch immer an diese Menschen.

Der Abbau von Ton, Muschelkalk und Braunkohle veränderte die Ortschaft drastisch. Ton und Muschelkalk begünstigte die Ansiedlung von Zementfabriken und Ziegeleien. Zudem entdeckte man 1826 Braunkohle, woraufhin die Gemeinde das Bergwerkseigentum verliehen bekam. Die Braunkohle nutzte man vor allem zur Paraffinverarbeitung. Ca. 100 Jahre lang wurden diese Bodenschätze abgebaut. Die Siedlung „Neuglück" am Ortsausgang zeigt heute auf, wo ein der Gruben sich befand. Gleichzeitig wurde die Region industrialisiert und an die Eisenbahn angeschlossen. Die Einwohnerzahl Nietlebens stieg bis 1910 auf ca. 5.000 an. 

Das Kaiser Wilhelm I.-Denkmal auf dem Dorfplatz vor der evangelischen Kirche in Nietleben
Das Kaiser Wilhelm I.-Denkmal auf dem Dorfplatz vor der evangelischen Kirche in Nietleben

Nach dem Ende der Förderung entstanden in den Gruben und Restlöchern einige Seen, die die Hallenser noch heute gern nutzen. Der Heidesee flutete den vorderen Teil eines eingebrochenen Braunkohleschachtes und ist eines der beliebtesten Freibäder der Stadt. Im Graebsee, heute wird er Bruchsee genannt, wurde bis 1921 Muschelkalk abgebaut. Nach seiner Stilllegung lief der Kalksteinbruch voll und das Wasser wurde zur Wässerung von Baumstämmen genutzt. Bis 1952 bestand hier zwar eine Badeanstalt, die aber nach einer Brandstiftung im anliegenden Furnier- und Dampfsägewerk für die Öffentlichkeit gesperrt werden musste. Generationen von leichtsinnigen Jugendlichen baden dennoch bis heute verbotenerweise im „Graebser". An den Ufern findet sich nun der Stadtpark Halle-Neustadt. Der Schornstein der Portlandzementfabrik wurde 1972 gesprengt, noch immer mitzuerleben in dem DEFA-Film „Zement", in dem auch zahlreiche Nietlebener Statistenrollen übernahmen.

1884 begann man mit dem Bau einer zweckmäßigen Kirche, wobei die Finanzierung allein durch die gewachsene Kirchengemeinde ohne weitere Zuschüsse gestemmt wurde. Der achteckige neoromanische Backsteinbau erhielt Türbögen aus Sandstein und einen massiven viereckigen Turm. Im Inneren fanden 700 Menschen Platz, eine einfache Orgel wurde aufgestellt. 1962/63 wurden die Innenräume renoviert und die beschädigten Glocken ausgetauscht. Noch heute erklingen die drei Stahlglocken in einem feierlichen Dreiklang und die überraschende Größe der Kirche zeugt vom Reichtum der Gemeinde am Ende des 19. Jahrhunderts.

Im gleichen Jahr wie die Kirche eröffnet die Provinzial Landesheilanstalt Nietleben. Sie galt bei ihrer Eröffnung wegen des großzügigen Platzangebotes als eine der modernsten psychiatrischen Anstalten Europas und konnte bis zu 1.000 Patienten aufnehmen. 1936 wurde die Anstalt geschlossen und in den folgenden Jahren zur Kaserne mit Luft- und Heeresnachrichtenschule umgebaut. Zu DDR-Zeiten wurde die Kaserne dann durch die Sowjetischen Streitkräfte genutzt. Ab 1994 sanierte die Stadt Halle dann den gesamten Standort, der mit Eigentumswohnungen sowie dem Weinberg Campus der Universität und dem Wissenschaftspark bebaut wurde. Einige der ehemaligen Patientenvillen wurden renoviert, andere der roten Klinkerbauten mit den schmiedeeisernen Loggien versprühen ebenso wie die Anstaltskirche von 1864 noch immer einen morbiden Charme.

Auch die Eselsmühle gehört zur Geschichte Nietlebens. 1887 wurde auf den Passendorfer Feldern eine Turmwindmühle aus rotem Backstein errichtet. Sie versorgte die Bäcker der umliegenden Ortschaften, denn pro Woche konnte man hier 3 Tonnen Schrot und 2,5 Tonnen Mehl mahlen. Nach 1924 wurde in der Mühle nur noch geschrotet, später diente sie gar als Lagerraum. 1969 eröffnete in dem funktionslos gewordenen Bau ein Imbiss, der an den Wochenenden ein beliebtes Ausflugsziel der Halle-Neustädter wurde. Für Kinder hatte man zudem eine Eselsreitstation errichtet - daher stammt der bis heute gebräuchliche Name. Bis in die 1970er-Jahre stand die Eselsmühle auf freiem Feld, bevor sie von dem wachsenden Halle-Neustadt verschluckt wurde. Zu dieser Zeit war in der untersten Etage eine Bierstube eingerichtet, in der ersten Etage eine Weinstube und unter dem Dach eine Bar, in der die Besucher auf Kettenschaukeln Platz nahmen. Noch heute wird in der alten Mühle ein Restaurant betrieben.

Im Jahr 1911 begann die planmäßige Entwicklung der Gartenstadt Nietleben. Hier sollte ein Gegenpol zu den horrenden Grundstückspreisen und den schlechten Wohn- und Lebensbedingungen in Halle zu dieser Zeit gesetzt werden. Dazu wurde auf dem billigen Agrarland von Nietleben Bauland erworben und genossenschaftlich erschlossen. In den 1920er-Jahren errichtete man dann in Erbpacht im Pirolweg oder am Nachtigallensteig Häuser in ganz verschiedenen Baustilen. Gärten und großzügige Grünanlagen prägten das Siedlungsbild. Von oben erkennt man sehr gut die halbkreisförmige Anordnung des Villenviertels am Rand der Heide, das einen der größten Schätze Nietlebens darstellt.

1950 erfolgt die Eingemeindung Nietlebens nach Halle. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Dorf 5.178 Einwohner.

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Bildquellen:

Kirche in Halle-Nietleben Urheber: White shark, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Das Kaiser Wilhelm I.-Denkmal auf dem Dorfplatz vor der evangelischen Kirche in Nietleben, 1908. gemeinfrei via Wikipedia