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Christoph Werner: Um ewig einst zu leben

Um 1815 zwei Männer, beide Maler - der eine in London, der andere in Dresden; der eine weltoffen, der andere düster melancholisch. Es sind J. M. William Turner und Caspar David Friedrich. 

Das eingemauerte Kind

Das eingemauerte Kind

Christoph Werner

Geht der Wanderer nachts zur Geisterstunde, zwischen Mitternacht und 1 Uhr, bei Vollmond über die Zollbrücke unterhalb der Broihanschenke zwischen Ammendorf und Beesen im Süden von Halle, so kann ihm Grausliches widerfahren.

Auf der Brücke über dem Mittelpfeiler, an dem sich eine Steinplatte befindet, steht im fahlen Mondlicht eine in schwarzes Nonnengewand gekleidete Gestalt und weint und klagt um ihr Kind und ihre Schuld, die sie nicht zur Ruhe kommen lässt.

Als man einst anfing, die Brücke zu bauen, fanden die Maurer an jedem Morgen zerstört, was sie am Tag zuvor errichtet hatten. Ein Mönch kam des Weges und riet ihnen, etwas Lebiges, ein Menschenkind in die Brücke einzumauern, um die Wassergeister zu versöhnen, die über den Bau erzürnt wären und ihn deshalb immer wieder zerstörten.

Er erbot sich, ihnen ein Kind zu verschaffen. Damit waren die Bauleute einverstanden. Am nächsten Morgen kam in einer Kutsche eine Nonne den Weg zur Brücke heruntergefahren. Sie hatte ein Kind auf dem Schoß, dass der Mönch mit ihr in sündiger Nacht gezeugt hatte. Die gottverlassene Frau gab dem Kind eine Semmel in die Hand, und die Bauleute setzten das kleine Wesen in eine vorbereitete Mauernische. Es rief mit herzzerreißenden Worten nach seiner Mutter, doch das Jammergeschrei half ihm nichts. Die Brückenbauer mauerten die Nische rasch zu und das Weinen des Kindes wurde immer leiser, bis man es nicht mehr hören konnte, als die Mauer mit einer Steinplatte ganz geschlossen war.
Seitdem ist die Brücke nicht wieder eingestürzt. Doch findet die Rabenmutter in alle Ewigkeit keine Ruhe im Grabe.

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Aus:

Siegmar Schultze-Gallera, Die Sagen der Stadt Halle und des Saalkreises, Halle 1922, nacherzählt und ergänzt nach dem Bericht von Frau Frahnert von Christoph Werner

Schultze-Galléra, Dr. Siegmar Baron von. 1921. Wanderungen durch den Saalkreis

http://www.ammendorf.de/(Die Website der Ammendorfer Heimatfreunde)

Werner, Christoph. „Seifert", in: Der Bronstein-Defekt und andere Geschichten. 2001. Hildesheim: Cambria Verlag. Vertrieb durch Bertuch-Verlag Weimar http://www.bertuch-verlag.com/393760118X.php