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Um ein neues Universitätsgebäude

Um ein neues Universitätsgebäude

Christoph Werner

Seine Majestät hatte zum Essen geladen. Kanzler Niemeyer aus Halle war bei seinem Freund Bischof Dr. Eylert, Mitglied des Staatsrats und des Ministeriums der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten, erschienen, um mit dessen Hilfe die Sache des halleschen Universitätsbaus Seiner Majestät selber vortragen zu können. Am 18. April 1827 sollte der Kanzler sein 50-jähriges akademisches Dienstjubiläum begehen. Stadt und Universität rüsteten zur Feier dieses Tages. Das bevorstehende Fest schien nun dem Kanzler eine gute Veranlassung zu sein, dem König „die Sache", wie er den gewünschten Bau eines zeitgemäßen Universitätsgebäudes an der Stelle der alten Schulkirche bei sich nannte, persönlich vorzutragen. Die nachgesuchte Privataudienz bewilligte der König zwar nicht, doch befahl er Niemeyer und Eylert zur Mittagstafel im Kronprinzenpalais, das der König seit seinem sechzehnten Lebensjahr bewohnte.

Die Tafel war einfach, da Friedrich Wilhelm Zeit seines Lebens sparsam war. Nach einer Schaumsuppe gab es Rehbraten mit Preiselbeeren und hinterher ein Kompott von Aprikosen und Gefrorenes von Erdbeeren, dazu verschiedene Weine von Saale und Unstrut und vom Rheine. Niemeyer hatte trotz seines Alters einen, wie sein Freund Eylert bemerkte, herzerfrischenden Appetit und langte hoffnungsvoll und tüchtig zu. Der König, der dies bemerkte, sagte freundlich:
„Hoffe, bekommt in Halle genug zu essen. Erinnere mich, mit der Königin im „Mohren" in Giebichenstein gut gespeist zu haben."

„Danke, Eure Königliche Majestät", erwiderte Niemeyer, „wenn es in Halle alles so reichlich gäbe wie das Essen, wäre uns viel geholfen." „Wie meinen?" fragte der König.
„Nun," sagte Niemeyer, „Majestät wissen bestimmt von der Geldnot der Universität und der Dringlichkeit eines neuen großen Gebäudes."
Der König ging nicht auf die Bemerkung ein, sondern wandte sich mit einer Frage, die Kirche betreffend, an Eylert. Niemeyer aber, unbeeindruckt oder vielmehr eingedenk seiner „Sache" und dem König gegenübersitzend, entfaltete sein ganzes Talent heiter geistreicher Plauderei. An Bemerkungen des königlichen Wirtes anknüpfend, die sich auf Halle bezogen, erzählte er Anekdoten von seiner Deportationsreise, die er, nolens volens als Geisel von den Franzosen genommen, nach Frankreich gezwungen war zu unternehmen, sprach über die Verfassung der Universität Oxford und anderes, kurz, er fesselte die ganze Tischgesellschaft. Nach aufgehobener Tafel näherte sich der König den Freunden und sagte zu Niemeyer:
„Haben mich sehr angenehm unterhalten, danke Ihnen! Bringen etwas?"
„Ach", antwortete der Kanzler, „ich bringe nichts; ich möchte gern mir eine königliche Gnade holen."
„Nun, was denn?"
Und jetzt trug er, in ehrerbietiger, doch männlich-würdiger Haltung und mit gedämpfter Stimme seine Bitte um die königliche Donation eines Universitätsgebäudes für Halle mit so ansprechenden Motiven vor, dass sein Vortrag sichtbar den bezweckten, angenehmen Eindruck machte.
Um so unterwarteter war die sonore Äußerung des Königs:
„Ist schon mal, wie ich mich erinnere, die Rede davon gewesen; ist jetzt vielleicht eine neue, nähere Veranlassung dazu eingetreten?"

„Die nächste Veranlassung", antwortete Niemeyer, „gibt mir allerdings der nahe bevorstehende 18. April, an welchem es 50 Jahre werden, wo ich mein akademisches Lehramt antrat. Ich für meine Person habe keine Bitte, keinen Wunsch. Gottes Gnade und Ew. Königlichen Majestät Huld haben mich mit unverdienten Wohltaten überschüttet. Aber der Universität, die mein Dienstjubiläum feiern will, wünschte ich die gnädige Gewährung der erbetenen großen Wohltat. Ew. Majestät Gnade würde dem Feste damit die rechte Weihe geben und alles mit Dank und Freude erfüllen."
Das Angesicht des Königs erheiterte sich noch mehr, und sinnend die Hand ans Kinn haltend, sagte er langsam: „Also der nächste 18. April! Gratuliere von Herzen und wünsche noch viele glückliche Jahre.
Nun", fuhr er scherzend fort, „langer Rede kurzer Sinn wäre also pecunia. Kann auch ein bisschen Latein. Einer meiner Ahnherrn pflegte oft zu sagen: non habeo pecuniam. Ein Universitätsgebäude kostet, wenn es angemessen sein soll, viel Geld - wird nicht gut angehen."
„Bringt aber auch", fiel Eylert ein, „viel Segen", und er fügte alles hinzu, was er für das ihm so teure Halle in seinem dankbaren Herzen trug. Der König ging jedoch nicht weiter auf die Sache ein, brach vielmehr das Gespräch schnell ab und entließ bald darauf die Gesellschaft.

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aus:
Christoph Werner. 2004. Schloss am Strom. Die Geschichte vom Leben und Sterben des Baumeisters Karl Friedrich Schinkel. Weimar: Bertuch-Verlag, http://www.bertuch-verlag.com/3937601112.php

Foto: Christoph Werner