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Rosemarie Ahrbeck

Rosemarie Ahrbeck

Christoph Werner

Am Ende keine Möglichkeit, sie weiterhin zu behindern

Wenn Sie, meine Leserinnen und Leser, die große Freitreppe zum Vorplatz des Hauptgebäudes der Martin-Luther-Universität hinaufgehen, dann treffen Sie auf Namen von halleschen Universitätslehrern, die parallel zur obersten Stufe in einer langen Reihe in den Boden eingelassen sind. Darunter befindet sich auch der Name Rosemarie Ahrbeck.
Ich hatte das Glück, während meines Studiums in Halle von 1957-1962 bei ihr „Geschichte der Erziehung" zu hören, das dazugehörige Seminar zu besuchen und schließlich die entsprechende Prüfung bei ihr abzulegen. Damals trug sie noch ihren Mädchennamen Rosemarie Wothge.
Wenn wir Studenten im ersten und zweiten Studienjahr damals auch noch nicht in der Lage waren, die wissenschaftlichen und pädagogischen Leistungen von Rosemarie Wothge angemessen zu bewerten, so spürten wir doch etwas von der ganz außergewöhnlichen Ausstrahlung dieser bemerkenswerten Frau. Ich erinnere mich noch an die erwähnte Prüfung, in die ich auf Grund meiner mangelhaften Vorbereitung mit Zittern und Zagen ging. Frau Dr. Wothge versuchte zuerst, mir durch entsprechende Prüfungsführung meine Angst zu nehmen. Natürlich war ihr sofort klar, wie es um mein Wissen bestellt war. Deshalb beharrte sie nicht auf der Wiedergabe von Fakten aus der Geschichte der Erziehung, womit ich auch nur unzureichend hätte dienen können, sondern versuchte herauszufinden, ob ich etwas von der Philosophie der Geschichte, von den zugrunde liegenden Kräften und Bewegungen und von ihrem möglicherweise vorhandenen Sinn verstanden hätte. Meine Antworten reichten aus, um zu einem für beide Teile zufrieden stellenden Ergebnis zu kommen.
Andere Studenten und später auch Doktoranden haben ähnliche Erfahrungen mit ihr gemacht.
Rosemarie Wothge wurde am 14. April 1926 in Magdeburg geboren, wo sie im Jahre 1944 auch das Abitur ablegte. Schon in ihrem Abiturzeugnis wurden ihr außergewöhnliche Selbstständigkeit des Denkens, Fleiß und mustergültige Sorgfalt in der Ausführung ihrer Arbeiten bestätigt.
Nach dem Krieg begann sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Ihren Wunsch, Medizin zu studieren, musste sie jedoch auf Grund ihrer sozialen Situation zunächst aufgeben. Sie bewarb sich statt dessen im Jahre 1946 nach Absolvierung eines Neulehrerkurses für ein Studium an der Pädagogischen Fakultät der Universität Halle, das damals schon gebührenfrei war. Der Dekan der Fakultät und Professor für Praktische Pädagogik Hans Ahrbeck entdeckte und förderte ihre geisteswissenschaftliche Begabung. Bald entstand auch eine enge persönliche Beziehung, die schließlich im Jahre 1962 in ihre Heirat mündete.

Rosemarie Wothge galt als bürgerlich-christliche Wissenschaftlerin und dementsprechend schwierig gestaltete sich ihre Universitätslaufbahn. Die Förderung durch Hans Ahrbeck und Dr. Wothges nachgewiesenen wissenschaftlichen Leistungen ließen jedoch den übergeordneten Entscheidungsträgern am Ende keine Möglichkeit, die junge und habilitierte (1955) Oberassistentin weiterhin zu behindern. Sie wurde 1956 zur Dozentin berufen, im Jahre 1960 erfolgte die Berufung zum Professor mit Lehrauftrag für Geschichte der Erziehung an der Philosophischen Fakultät der Universität Halle. Damit war auch die Nachfolge von Hans Ahrbeck in der Professur für Geschichte der Erziehung geklärt. 1969 wurde sie zum ordentlichen Professor für Geschichte der Erziehung und Vergleichende Pädagogik berufen.
Berthold Ebert, dem ich die meisten dieser Informationen verdanke (siehe unten), schreibt über ihren weiteren Lebensweg:
„Diese Unsicherheit (als bürgerlich zu gelten und sich deshalb nie ihrer Position als Professorin für Geschichte der Pädagogik sicher zu sein-Ch.W.) war es sicher auch, neben ihrer Neigung dazu, daß sie zwischen 1958 und 1965 - ohne ihre wissenschaftliche Aufgabe als Hochschullehrerin zu vernachlässigen - Medizin studierte und 1968 mit der Arbeit „Zur Persönlichkeit akzelerierter, normaler und retardierter Schülerinnen der 10. Klasse der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen in Halle (S.)" zum Dr. med. promovierte. Die interdisziplinäre Sicht auf Pädagogik und Medizin führte dazu, daß sie später als Gutachterin für eine Reihe medizinisch-pädagogischer Doktorarbeiten herangezogen wurde."
Fürwahr, eine bemerkenswerte Leistung.
In den Jahren von 1960 bis 1981 „legte Rosemarie Ahrbeck eine beträchtliche Anzahl wissenschaftlicher Forschungsergebnisse vor, die wegen ihrer Originalität, Gründlichkeit, ihrer strengen Sachlichkeit und sprachlichen Meisterschaft ihren Ruf als hervorragende Historikerin im In- und Ausland begründeten."(Ebert).
Rosemarie Ahrbeck war noch fast zwanzig Jahre mit dem 36 Jahre älteren Hans Ahrbeck verheiratet. Als er mit beinahe 91 Jahren 1981 starb, nahm sie sich wenige Wochen später das Leben.

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Quelle:
Ebert, Berthold; Franckesche Stiftungen zu Halle (Hg.): Hans und Rosemarie Ahrbeck; „ Den Lehrern vieler Lehrer" Halle: Verlag der Franckeschen Stiftungen 2002. ISBN: 3-931479- 32-3

Foto: Dr. phil. Christoph Werner