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Paulus Luther

Sein Leben von ihm selbst aufgeschrieben. Ein wahrhaftiger Roman

Christoph Werner

Ein lesenswerter und informativer historischer Roman, der das Leben Paul Luthers - jüngster Sohn Martin Luthers und seines Zeichens fürstlicher Leibarzt und Alchimist - erzählt.

Luther und der Jude von Halle

Luther und der Jude von Halle

Christoph Werner

In den handschriftlich überlieferten Aufzeichnungen „Mein Lebenslauf zur Nachricht für meine Familie und Freunde" von Johann Esaias Silberschlag fand sich, wie meine Urgroßmutter, Rose Bergling geb. Silberschlag meinem Vater, als er noch Kind war, erzählte, ein Begebnis, das sich zwischen einem sagenhaften Vorfahren unserer Familie und Luther ereignete.

Als die Aufzeichnungen im Jahre 1792 im Verlag der Königlichen Realschul-Buchhandlung gedruckt wurden, war dieses Begebnis nicht mehr darin enthalten.

Meine Urgroßmutter erzählte:
Als Martin Luther im Jahre 1546 auf dem Weg nach Eisleben, wo er einen Streit der Grafen von Mansfeld schlichten sollte, in Halle wegen Hochwassers der Saale länger als geplant Aufenthalt nahm, erschien in seinem Zimmer, als er gerade beim Einschlafen war, ein alter Jude namens Silberschlag, der in einer der Trödelbuden zwischen den Strebepfeilern der Marktkirche einen Handel mit gebrauchten Büchern und alten Manuskripten betrieb.

Dieser in einen Kaftan gekleidete Mann hieß Luthern aufstehen und ihm folgen. Sie gingen von der südlich des Marktplatzes gelegenen Herberge über den Markplatz an dem Galgen neben dem Marktbrunnen vorbei zur Saale hinunter. Hier führte der alte Mann den Reformator die Saale flussabwärts zur Moritzburg, deren Grundstein just ein Jahr nach Luthers Geburt auf dem Platz des alten Judendorfes gelegt worden war.

Hier, an einer der runden Bastionen an der Ostseite der Burg trafen sie auf 11 Männer, in dunkle Obergewänder gekleidet, die im Kreis standen. Luthers Führer schob ihn in den Kreis, während er selbst sich einreihte. Einer trat vor und sprach: „Luther, du hast dein Evangelium so gedeutet, dass die Juden unter Gottes Zorn und außerhalb seiner Gnade stünden und damit aus der menschlichen, aus eurer christlich begnadeten Gemeinschaft ausgeschlossen seien. Man solle daher ihre Synagogen und Schulen verbrennen, ihre Häuser zerbrechen und zerstören, ihnen ihre Betbüchlein nehmen, ihren Rabbinern verbieten zu lehren und sie vertreiben, so sie nicht bekehret werden könnten.
Was wirst du Gott zum Jüngsten Gericht antworten, wenn dieser dich fragt: ‚Dr. Martinus, wie bist du mit meinen Kindern, den Juden, umgegangen?'"

Der Reformator stand in dem Kreis und sah nach diesen Worten hinauf in den Himmel, an dem dunkle schwere Wolken eilig dahin zogen. Ihn schwindelte.

Als er am Morgen erwachte, lag er in heftigem Fieber. Er ging krank nach Eisleben, wo er noch mehrmals predigte und am 18. Februar A.D. 1546 starb.

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Erschienen in der „Thüringer Allgemeine" vom 30. Dezember 2005, Christoph Werner

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